Des Kanzlers Pizza-Inszenierung

Ja, ich gebe es zu. Ich habe schon so manchen schlechten Clip produziert und rückwirkend würde ich viele Spots nicht mehr so machen, wie vor ein paar Jahren. Aber eines weiß ich auch: Eine so peinliche und schlecht durchdachte Inszenierung, wie das Pizza-Boten-Video von Bundeskanzler(!) Christian Kern, hätte keiner meiner Kunden mitgemacht.

Was nämlich hängen bleibt: Der Kanzler will „Bürgernähe“ vorgaukeln, traut sich aber nicht zum Bürger zu gehen, sondern nur zu seinen Parteigenossen – quasi in die „geschützte Werkstätte“. Dort können dann alle, brav nach Drehbuch, klassische SPÖ-Forderungen aufstellen und erklären, dass das Ausländer-Problem eigentlich gar kein Problem sei.

Der erste „überraschte“ Normalbürger, dem SPÖ-Kanzler Kern eine Pizza liefert, ist sein Parteikollege Ralf Tatto. Dieser war Kandidat für die SPÖ Wien-Landstraße und bekleidet laut Eigenangaben das Amt eines Öffentlichkeitsreferenten im SPÖ-geführten Sozialministerium. Der „Wochenblick“, der diesen Umstand zuerst aufgedeckt hat, titelt: „Peinlich: Kern besucht in ‚bürgernahem’ Pizza-Video einen Regierungsmitarbeiter“ und die „Krone“ schlussfolgert: „Pizzen von Kanzler Kern riechen nach Fake.“

Auf die anderen kleinen Auffälligkeiten in der Inszenierung will ich gar nicht eingehen. Aber ist irgendjemandem aufgefallen, dass die zweite „versteckte Kamera“ von außen die Szenerie filmt? Vermutlich „gut versteckt“ auf dem Objektiv des Kameramanns, der daneben steht und alles filmt. Und die völlig überraschten Bürger blicken kein einziges Mal in die Linse dieser zweiten Kamera – solche Schauspieler würde man sich als Regisseur immer wünschen! Hätte man nur mehr überraschte Normalbürger für solche Zwecke zur Verfügung.

Niemand wusste es

Kanzler Kern sagte vor ein paar Wochen, dass „95 Prozent der Politik aus Inszenierung bestehen“ würden. Erleichtert lehne ich mich zurück und genieße die Worte aus dem SPÖ-Wahrheitsministerium, die mich soeben über den Nachrichtendienst der „APA“ erreichen. Tief gläubig freue ich mich über die Richtigstellung: „Zu den Spekulationen rund um Fake und Inszenierung im Zusammenhang mit dem Video stellt die SPÖ klar: Niemand der besuchten Personen wusste, dass der Bundeskanzler kommt. Alle im Video vorkommenden Menschen sind Kunden der Pizzeria ‚That’s Amore’ in Wien-Landstraße und alle wurden überrascht, das ist an den Gesichtern der Menschen auch deutlich zu erkennen.“ In stoischer Gelassenheit wiederhole ich wie in Trance: „Niemand wusste es. Alle wurden überrascht. Niemand wusste es. Alle wurden überrascht.“ Sprecht mir nach Genossen…


Foto: facebook.com/bundeskanzler.christian.kern (Screenshot)